Wenn Sprache zur Barriere wird

Ein Gespräch mit Kommunikationsprofi Clia Vogel über leichte Sprache und den Weg dorthin

events-barrierefrei: Du beschäftigst Dich in Deinem Beruf viel mit Sprache. Wann kann Sprache zur echten Barriere werden?

Clia Vogel: Allgemein kann man sagen, dass Sprache zur Barriere wird, wenn Menschen mit unterschiedlicher Sprachfertigkeit aufeinander treffen. Gründe für diese Unterschiede gibt es viele, zum Beispiel

  • verschiedene Herkunftsländer
  •  verschiedene Bildungsstufen
  • Lernschwierigkeiten
  • Lese- und/ oder Schreibschwäche
  • Demenz
  • Aphasie
  • Sehbehinderungen
  • Gehöreinschränkungen

Natürlich gilt auch für geschriebene Texte: Wenn der Leser einen anderen Hintergund hat als der Schreiber, wird es schwierig. Es ist also eigentlich Schreiberpflicht, sich an die Zielgruppe anzupassen.

Was ich insgesamt bemerkenswert finde ist, dass Sprachbarrieren (abhängig von Alter und Gesundheitszustand) uns früher oder später fast alle betreffen.

Wie bist Du selbst zum Thema leichte Sprache gekommen?

Ich war im Sommer 2009 zu einem Abendvortrag an der Uni in Mainz. „Wie social sind Social Media?“ Da ging es hauptsächlich um Barrierefreies Internet. Leichte Sprache war nur eine Fußnote, aber mein Interesse war sofort geweckt. Immerhin schreibe ich beruflich. 

Gleich am nächsten Tag habe ich mich nach einer Weiterbildung umgesehen und musste feststellen, dass es nicht viel gibt. Am dritten Tag Googeln und Telefonieren erfuhr ich von einer Tagung im Herbst.  Und dort wiederum hörte ich von einer Weiterbildung für Mitarbeiter von sozialen Einrichtungen im Winter. Dankenswerter Weise durfte ich als „branchenfremder Gast“ teilnehmen.

Heute ist das Angebot glücklicherweise größer.

Man liest immer wieder Begriffe wie leichte Sprache oder einfache Sprache. Was genau versteht man darunter und worin besteht der Unterschied?

Einfache Sprache bedeutet vor allem, beim Schreiben auf gute Lesbarkeit für möglichst viele Menschen zu achten. Spezielle Regeln gibt es bisher nicht. Es gelten die übliche Grammatik und die allgemeinen Rechtschreibregeln – Fremdwörter, Fachbegriffe sowie schwierige Grammatikkonstruktionen sollte man vermeiden.

Leichte Sprache ist noch viel einfacher als einfache Sprache und bewegt sich vom Anspruch her auf Grundschulniveau. Das gute daran ist, dass sie auch von Menschen verstanden wird, die nur sehr wenig lesen können.

Kann jeder Veranstalter, jedes Unternehmen einfache bzw. leichte Sprache anwenden? Was gibt es dabei zu beachten?

Ich bin davon überzeugt, dass jeder Veranstalter zumindest einfache Sprache anwenden kann.  Wenn man bestimmte Angehörige der oben genannten Personengruppen mitnehmen will, ist leichte Sprache aber noch besser geeignet.

Je einfacher/ leichter ein Text ist, umso mehr Aufwand steckt dahinter, weil der Schreibende genau wissen muss, um was es geht. Es entsteht also ein hoher Rechercheaufwand. Das heißt, ehe man Info-Material erstellt, muss man sich genau überlegen, wer erreicht werden soll und wie groß das Budget ist.

Was ich jedem Unternehmer ans Herz legen möchte ist, auf jeden Fall einen Experten zu beauftragen, auch wenn das auf den ersten Blick teurer ist, als ein Durchschnittstexter. Denn  man sieht es einfach am Text, wenn jemand ohne Kenntnisse der Regeln „leicht“ schreibt. Und am Ende wird es dann richtig teuer, weil man doch noch einmal einen Profi dran setzen muss.

Die Profis kennen sich auch meistens mit den Gestaltungsregeln für Bilder, Schrift, Farbe und Papier aus.  Das ist wichtig, weil all das zu einer guten Lesbarkeit beiträgt.

Wenn wir bei unserem Bereich, den Veranstaltungen, bleiben: Wann empfiehlst Du Veranstaltern, auf einfache bzw. leichte Sprache zurückzugreifen?

Einfache Sprache empfehle ich immer. Nicht nur für Info-Material, sondern auch für Veranstaltungsmitarbeiter und Speaker. Das freut nicht nur die Hörer, sondern auch die Schriftdolmetscher.

Leichte Sprache ist sehr wichtig bei speziellen Veranstaltungen für bestimmte oben genannte Personengruppen. Zum Beispiel Menschen mit Lernschwierigkeiten.

Wie steht es um einfache Sprache im Bereich Social Media? Ist das hier überhaupt ein Thema?

Von bestimmten Empfehlungen für einfache Sprache habe ich in diesem Bereich noch nichts gehört. Aber wenn man Posts auf Twitter, Facebook und Insta mal anschaut, erkennt man schnell, dass viele dort tatsächlich sowieso viel einfacher schrieben, als sie es in einem Fachartikel tun würden.

Was wünschst Du Dir von Veranstaltern in Sachen Barrierefreiheit?

Ich wünsche mir, dass die Veranstalter sich trauen, einfach mal irgendwo mit der sprachlichen Barrierefreiheit anzufangen. Denn dann werden sie schnell feststellen, dass es sich lohnt und die Einsatzmöglichkeiten auch (ganz nach ihren Bedürfnissen und denen ihrer Zielgruppe) weiterentwickeln.

Barrierefreiheit ist kein Selbstzweck, sondern für viele Menschen die Notwendigkeit zur Teilhabe. 

Und möglichst viele Teilnehmer wünscht sich doch jeder Veranstalter, oder? 😉


Clia Vogel alias Digitale Ökotante arbeitet als Journalistin und Texterin sowie Kommunikations- und Medienmanagerin. Sie schreibt Texte für Agenturen, Medien und Unternehmen.

Außerdem erstellt sie Nachhaltigkeitsberichte und entwickelt Websites rund um die Themen Umwelt, Soziales, Gesundheit, Kultur und nachhaltiges Wirtschaften.

www.digitaleoekotante.com

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